Wwoof in Kanada, ein halbes Jahr auf Farmen unterwegs

Interview: Wwoof in Kanada

Profilbild NinaWwoof ist eine spezielle Art des dir vielleicht eher bekannten Work and Travels. Statt Geld verdienst du dir einen Platz zum Schlafen und Verpflegung. Damit fällt es unter die Freiwilligenarbeit. Ein weiterer Unterschied zur klassischen Variante im Ausland zu arbeiten ist, dass es wwoof nur auf ökologischen Bauernhöfen gibt. Wie so ein Tagesablauf für einen Wwoofer aussieht, welches Visum du benötigst und ob du zwingend eine Organisation brauchst, erfährst du in folgendem Interview mit Nina. Sie war 2010 ein halbes Jahr als Wwoofer in Kanada. Ein Land, das sie nie mehr wirklich losgelassen hat.

Hey Nina,
du hast 2010 ein halbes Jahr in Kanada verbracht. Und das mit wwoofing. Ganz ehrlich? Bevor ich dich getroffen habe, wusste ich nicht einmal, dass es das gibt. Wie hast du davon erfahren?

Hallo Alexa,
tatsächlich wusste ich damals auch nicht was wwoof ist. Ich bin mit einer Organisation in Kontakt getreten, die unter anderem Work and Travel und Farmstays vermittelt hat. Das Ganze war 2010 noch weitaus günstiger als jetzt. Ich glaube, jetzt würde ich die Organisation wirklich nur noch empfehlen, wenn jemand sehr unsicher ist und Angst davor hat, alleine unterwegs zu sein. Bei mir war das damals so, dass ich es mir alleine am Flughafen ein bisschen gruselig vorgestellt habe. Und meine Mutter hat es ungemein beruhigt, das ich mit einer Organisation gereist bin. Die Organisation hat mir dann die erste Farm vermittelt und von dort aus habe ich auf eigene Faust geschaut, wo ich als nächstes hin wollte.

Wie findet man auf eigene Faust Farmen zum Arbeiten?

Es gibt z.B. wwoof und helpx. Wwoof steht für World-Wide Opportunities on Organic Farms und helpx ist sowas ähnliches, nur, dass es keine Bio Farm sein muss, sondern es verschiedene Möglichkeiten außerhalb von Farmen und Ranches gibt.

Warum hast du dich nicht für klassisches Work and Travel entschieden, wenn die Organisation das auch angeboten hat?

Mit der Quad Paddocks abäppelnWork and Travel wäre natürlich auch eine tolle Möglichkeit gewesen. Man bekommt dafür ein spezielles Work and Travel Visum von einem ganzen Jahr. Dieses Visum bekommt man für Kanada nur einmal in seinem Leben. Da ich allerdings nur ein halbes Jahr bleiben konnte, dachte ich mir, dass das Visum dann verschwendet ist. Geld verdienen war mir nicht so wichtig wie die Erfahrung. Ich wollte sowieso auf Ranches arbeiten, was mit wwoof gut machbar ist und brauchte daher keine Möglichkeit in Cafés oder Hostels für Geld zu arbeiten. Ein bisschen Hoffnung, dass ich es, bevor ich fünfunddreißig bin, noch mal für ein Jahr nach Kanada schaffe, hatte ich schon. Nur bis zu diesem Alter gibt es dieses spezielle Visum. Ich glaube leider, dass das nicht mehr passieren wird. Im Nachhinein denke ich mir, ich hätte es einfach machen sollen. Aber grundsätzlich ist es immer zu kurz, auch wenn man ein ganzes Jahr bleibt.

Wie sah dein Arbeitsalltag auf so einer Farm aus?

Wwooferin Nina bei der Gartenarbeit im GewächshausIch war damals auf drei verschiedene Farmen, die alle sehr unterschiedlich waren.
Die erste Farm auf der ich platziert wurde baute hauptsächlich Bio Gemüse- und Obst an. Der Arbeitstag war sehr strukturiert. Jeden Morgen hatten wir den gleichen Arbeitsbeginn gegen sieben Uhr und haben fünf Stunden gearbeitet. Dann gab es Mittagessen und der Nachmittag stand uns zur freien Verfügung. Samstags und sonntags mussten wir nur das Nötigste machen, wenn die Besitzer auf den Märkten in Vancouver unterwegs waren.
Den Arbeitsalltag verbrachte ich entweder im Gewächshaus oder auf dem Feld. Pflanzen einpflanzen oder umtopfen waren typische Arbeiten im Frühjahr. Im Sommer wäre auch die Ernte auf den Obstplantagen hinzugekommen.
Ich wollte gerne noch mehr mit Tieren machen und deshalb kam für mich wwoofing und helpx ins Spiel. Dort kann man Farmen mithilfe eines Filters suchen. Ich habe eine Andalusier Ranch, die nicht allzu weit entfernt war, gefunden. Dort sah mein Arbeitsalltag ganz anders aus. Ich musste jeden Tag arbeiten, es gab keinen freien Tag. Nur an einem der Tage, die ich dort war, durfte ich einen Ausflug machen.
Morgens habe ich die Pferde gefüttert und bis mittags die anfallende Arbeit auf dem Hof erledigt. Danach hatte ich frei. Mir stand eines der Pferde zum Reiten zur Verfügung, was natürlich eine tolle Freizeitbeschäftigung war. Abends musste ich dann noch die Pferde füttern. Ich war leider fast die ganze Zeit alleine und habe mich recht einsam gefühlt und mir deshalb nochmal etwas anderes gesucht.
Kanu fahren oder mit Pferden schwimmen in Kanada

So kam es dann auch, dass ich auf der perfekten Ranch gelandet bin. Dort wurde tatsächlich nach jemandem gesucht, der Pferde trainiert: Reiten gehörte zur Arbeitszeit. Es gab keinen festen Tagesablauf. Zwischen sieben und acht begann die Arbeit mit Pferde füttern und Paddocks abäppeln und dann ging es auch schon ans reiten.
Ich habe einiges zum Training mit Jungpferden gelernt, erste Schritte wie Hufe geben, an den Sattel gewöhnen […] Es fühlte sich für mich einfach nicht nach Arbeit an. Natürlich mussten auch hier mal Zäune repariert werden oder die Gärten gejätet. Die Ranchbesitzerin hat uns an besonders heißen Tagen auch mal erlaubt die Arbeit sein zu lassen und stattdessen eine Runde Kanu zu fahren.
Mein Fazit: Auf jeder Farm ist es anders. Man sollte offen dafür sein und sich anpassen.

Wie viele Wwoofer waren meistens auf einer Farm?

Auf der ersten und der letzten Farm waren wir 4 – 6 Leute und auf der zweiten war ich alleine. Da ist alles möglich.

Hat dir die Organisation zu einem späteren Zeitpunkt noch geholfen oder warst du dann ab der ersten Farm auf dich alleine gestellt?

Die Geburt eines FohlensDie Organisation hat mir Tipps für Bewerbungen gegeben, welche Fragen man stellen sollte und worauf die Farmen achten. Sie hatten einen Wechsel der Farm mit inbegriffen und mir bei der Buchung des Bustickets geholfen und auch bei dem Hostel, das ich für eine Zwischenübernachtung brauchte. Die Leute waren sehr hilfsbereit. Zum Glück musste ich deren Hilfe nicht oft in Anspruch nehmen.

Wie gut waren deine Englischkenntnisse damals?

Ich hatte schon recht gute Englischkenntnisse. Ich glaube aber auch, dass jemand mit schlechteren Englischkenntnissen gut klarkommt. Die Kanadier sprechen ein sehr deutliches Englisch. Noch dazu sind sie sehr freundlich und höflich, was die Verständigung sehr vereinfacht. Französisch habe ich nicht gebraucht, da ich im Westen Kanadas war, dort ist im Supermarkt alles zweisprachig. Französisch braucht man nur in Ostkanada.

Anfangs hast du erwähnt, dass das ganze inzwischen teurer geworden ist. Wie viel Startkapital braucht man ca. für einen wwoofing-Aufenthalt?

Ausreiten in KanadaOrganisationen haben feste Preise. Nähere Infos gibt es auf deren Webseiten.
Ansonsten ist es sehr stark davon abhängig, was für Erwartungen man hat. Wenn man nicht so viel reist, sondern nur auf den Farmen bleibt, ist man auf jeden Fall versorgt. Man bekommt drei Mahlzeiten und Snacks. Alles andere muss man sich selbst kaufen. Auch den Transport zahlt man selbst. Ich würde jedem empfehlen, nicht nur zu arbeiten, sondern auch mal zu reisen. Das kostet natürlich einiges mehr.
Vor der Reise sollte man sich überlegen, auf wie viele Farmen man gehen möchte und sich erkundigen, was der Transport kostet. Ein bisschen Notfallgeld für Hostels, wenn man keine Farm findet, sollte drin sein. HI Hostels gibt’s fast überall. Eine Mitgliedschaft lohnt sich schon ab wenigen Nächten.

Was war für dich die größte Herausforderung?

Darüber muss ich kurz nachdenken.
Ich glaube die größte Herausforderung für mich persönlich war das Zusammenleben mit anderen Menschen auf engstem Raum, die so verschieden sind. Auch wenn man das von einer Familie gewöhnt ist, ist das auf der Farm nochmal etwas anderes, da die Leute in anderen Kulturen groß geworden sind. Dinge, die für dich ganz normal sind, sind es für andere Leute nicht unbedingt.
Auch wenn ich mich damals schon unglaublich erwachsen gefühlt habe, muss ich rückblickend sagen, dass man in dem Alter kurz nach dem Abi gerade erst erwachsen wird. Man befindet sich in der Phase, in der man versucht herauszufinden, wer man ist und was man möchte. Diese Reise hat mir dabei geholfen.
Es gab Leute, die hätte ich lieber nicht kennengelernt, da sie sich sehr daneben benommen haben. Mit anderen bin ich heute noch befreundet.

Und dein schönstes Erlebnis?

Als Wwoofer darf man auch beim Einreiten von Pferden helfenDas Schönste war definitiv das Vertrauen, was mir entgegengebracht worden ist. Gerade auf der letzten Farm habe ich wahnsinnig viele Chancen bekommen. Das Beste war die Möglichkeit ein junges Pferd einzureiten. Und später zu sehen, dass daraus ein ganz tolles Pferd geworden ist, das zu einem guten Preis verkauft wurde und ein tolles zu Hause bekommen hat.

Wem kannst du einen Aufenthalt als Wwoofer empfehlen?

Wwoof ist auf jeden Fall zu empfehlen, wenn man ein Land nicht nur auf dem typischen Touristenweg kennenlernen möchte, sondern die Lebensweise der Kanadier, besonders auf dem Land. Leute die Tiere mögen, naturverbunden sind und vor allem, die auch bereit sind anzupacken und harte Arbeit nicht scheuen. Die sind bei wwoof genau richtig. Eine gewisse Offenheit für andere Kulturen ist natürlich auch Voraussetzung.

Damit kommen wir auch schon zum Schluss. Eine letzte Frage noch: Dein wwoof-Aufenthalt ist nun schon acht Jahre her und seitdem bist Du häufiger wieder in Kanada gewesen. Was hättest du heute anders gemacht als damals?

Pferd satteln Ich glaube viel hätte ich grundsätzlich nicht anders gemacht, außer, dass ich mir viel mehr Zeit genommen hätte. Das Touristenvisum gilt nur für ein halbes Jahr. Dass ich mir deshalb das Work and Travel Visum aufgespart habe, war nicht sehr sinnvoll. Entweder man macht es sofort oder man macht es nie. Was ich noch anders gemacht hätte, wären viel mehr Pausen zwischen den Ranchaufenthalten, um mich zu erholen und noch etwas anderes zu sehen. Das wäre auch im Budget drin gewesen. Klar, das Reisen kann man im Nachhinein noch nachholen, aber ich wünschte, ich hätte mir damals mehr Zeit dafür genommen.

Vielen Dank für das Interview, liebe Nina.


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